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Gropius
goes
Rosen-
thal

Von
Schweine
ställen
und
Traum
fabriken

Was Walter
Gropius
und Philip
Rosenthal
mit einem
Schweine-
stall zu
tun haben?

Eine
kleine Geschichte
über einen weit-
gehend unbekannten
Entwurf des
Architekten und
Bauhaus-Gründers.

Alles
beginnt
mit
einer
Wette.

Am 5. Oktober 1967 ist Walter Gropius zu Besuch in Selb. Er ist zur Eröffnung der Rosenthal-Fabrik am Rothbühl gekommen, die er mit seinem Bostoner Büro The Architects Collaborative (TAC) entworfen hat. Während eines Rundgangs durch das Werk unterhält man sich rege und gerät in eine hitzige Diskussion über die Farbe eines Dekors. Während Gropius auf der Fahne eines Tellers einen schwarzen Rand sieht, besteht Philip Rosenthal darauf, dass aus dem Schwarz nach dem Brand ein Goldrand wird – was Gropius ihm nicht glauben will. Doch der Firmenchef behält Recht und Gropius muss seine Wettschuld einlösen: eine Unterkunft zu gestal­ten für das Hausschwein von Rosenthal. Das hört auf den wunderbaren Namen RORO (für Rosenthal am Rothbühl) und ist ein Geschenk zur Einweihung der Fabrik.

Wetten,
dass
…?

Das Ergebnis der spontanen Wette ist ziemlich ungewöhnlich, wie die fein ausgeführte Entwurfszeichnung von Gropius zeigt. Ein Erwachsener mit zwei Kindern an der Hand blickt über einen Zaun, hinter dem das füllige Schwein RORO grast. Es darf sich glücklich schätzen über ein ziemlich luxuriöses Zuhause: ein kubisches Flachdachgebäude, das von einer Steinmauer eingefasst wird und der Rosenthal-Fabrik am Rothbühl ästhetisch angeglichen ist.
Auffälligstes Gestaltungsmerkmal sind zwei hoch angesetzte, schmale Fensterbänder an Vorder- und Rückseite, der breite Eingangsbereich und das an der Schmalseite eingelassene kreisrunde Bullauge. Das Gebäude gleicht eher einem Bungalow als einem schnöden Schweinestall, zumal Gropius Außenmauern, Zäune und Grünfläche des Außengeheges als integralen Bestandteil der Architektur begreift. Zur Umsetzung des Wetteinsatzes kommt es indes nicht, weil die Porzellanmaler vom Rosenthal-Werk am Rothbühl in den Streik treten. Aus lauter Angst, das muffelige Schweinchen RORO könne sie von der konzentrierten Arbeit ablenken.

Von
Boston
nach
Selb

Der modernistische Schweinestall bleibt zwar unrealisiert, aber glücklicherweise hat Gropius für Rosenthal einige Architektur- und Designentwürfe auch tatsächlich umgesetzt. Ende der sechziger Jahre entwirft er mit seinem Architekturbüro TAC die Fabrikgebäude in Selb und Amberg sowie das Teeservice TAC. Die Zusammenarbeit wird vermittelt durch den Schweizer Grafiker Josef Müller-Brockmann, der an einem Buch über The Architects Collaborative arbeitet und Gropius als Architekten vorschlägt. Der sagt kurzerhand zu und entdeckt während der Planungsphase der Rosenthal-Fabrik am Rothbühl sein Interesse für Porzellan.
Philip Rosenthal hat es übrigens zuerst gar nicht gewagt, den Architekten für einen Entwurf anzufragen. „Da kann ich auch den Papst zur Taufe meiner Tochter bitten“, soll er gesagt haben. Nun, es kommt anders und deshalb ist das Teeservice TAC mit seinen geometrischen Formen, dem bügelförmigen Henkel und dem auffälligen Bajonettverschluss nicht mehr wegzudenken aus dem Rosenthal-Designkanon.

Die
Flamingos
kommen!

Philip Rosenthal und Walter Gropius eint zweierlei: der Sinn für zukunftsweisende Gestaltung sowie der Glaube an die Verbesserung der sozialen Umwelt durch Architektur und Design. Eigentlich hatte man dem Unternehmer eine simple Fabrikhalle zur Porzellanproduktion vorgeschlagen, doch dieses „mechanische Ungeheuer, das Geist und Seele tötet“, will Philip Rosenthal seinen Mitarbeitern nicht zumuten. Stattdessen ist das von Gropius geplante Werk am Rothbühl beinahe malerisch eingebettet in eine Parklandschaft mit Teichen. Als eingeschossige Stahlbetonskelettarchitektur mit vorfabrizierten Bauteilen auf der „grünen Wiese“ in Selb konzipiert, tragen massive Betonstützen das flache Dach. Das Portal mit freischwebender Betonplatte ragt weit über die Mauerfront und markiert eindrucksvoll den Eingang zur Fabrik. Gleich daneben befindet sich das zweigeschossige „Feierabendhaus“, das ausgestattet ist mit Bibliothek, Billardtischen, Tischtennisplatten und Kletterwand.
Die rasterförmig aufgebaute Produktionshalle ist ganz an den Prämissen der Industriefertigung ausgerich­tet: optimaler Materialfluss, Expansionsmöglichkeit, Flexibilität. Sämtliche Produktarten werden nun unter einem Dach, auf einer Ebene und vollautomatisiert in einem Kreislauf produziert. Ein gestalterisches Highlight befindet sich inmitten der Produktionshalle: ein Gewächshaus, in dem rosarote Flamingos herumspazieren. Gropius hatte zuvor eingehend die Arbeitsplätze inspiziert und zwischen all dem Porzellanweiß ein wenig Grün für wichtig befunden. Das zweite, ebenfalls von Gropius für Rosenthal entworfene Gebäude, das allerdings erst nach dem Tod des Architekten fertiggestellt wird, ist architektonisch ungleich spektakulärer: Die Werkshalle des ehemaligen Thomas-Glaswerks in Amberg ist nämlich so tief ins Erdreich gesetzt, dass nur die Giebel aus dem Boden ragen und die Dachflächen so zur Fassade werden. Die ungewöhnliche Form hat ihren Ursprung in der Be- und Entlüftungs­technik, die aus­schließ­lich über die Gebäudekonstruktion funktioniert.

Ein Teeservice, eine Porzellanfabrik, ein Glaswerk – so viel ist geblieben vom Aufeinandertreffen zweier Männer, die brannten für gute Gestaltung.

Doch was ist eigentlich aus dem putzigen Schweinchen RORO geworden, das beinahe Architekturgeschichte geschrieben hätte? Nun, statt ein Luxus- Schweineleben im coolen Bauhaus- Bungalow zu führen, hat es seine Tage anders als gedacht verbracht: glücklich auf einem ganz normalen Bauernhof in der Oberpfalz.

PALAZZO
RORO
RELOADED
[Making of ]

Wenn Architekten und Designer über Gott und die Welt plaudern, entsteht zuweilen erstaunlich Kreatives. Eines Abends also sitzen Alex Probst, Ralf Schlachter und Bartek Wieczorek vom Frankfurter Architekturbüro unique assemblage mit Sebastian Herkner zusammen. Der Designer, der bereits einige Produkte für Rosenthal entworfen hat, erzählt den dreien eine ziemlich spannende Geschichte: Ende der sechziger Jahre ist Walter Gropius zu Besuch in Selb und verliert eine Wette mit Philip Rosenthal. Als Wettschuld muss er einen Stall für das putzige Rosenthal-Hausschwein RORO bauen – im Bauhaus-Stil mit angrenzendem Freigehege. Doch der Stall wird nicht gebaut, und die Skizze gerät beinahe in Vergessenheit. Bis sich jemand bei Rosenthal daran erinnert und den Stall zum 100. Geburtstag von Philip Rosenthal endlich in die Realität umsetzen will. Die Architekten von unique assemblage sind sofort Feuer und Flamme, zumal Alex Jobst auf einem Schweine-Hof in Baden-Württemberg aufgewachsen ist und die Tiere heiß und innig liebt: „Schweine sind tolle Viecher, die uns extrem ähnlich sind. Sie haben einen tollen Charakter, wissen genau, was Sache ist und sind sehr verspielt.“ Gute Gründe also, sich dem ambitionierten Projekt anzunehmen, zumal die drei Architekten ein Faible haben für konzeptionelle Arbeiten. Von Beginn an steht nämlich fest, dass der Stall nicht einfach eins zu eins umgesetzt werden soll, sondern es vielmehr um eine Interpretation gehen soll. „Wir haben versucht, die Poesie der Wettgeschichte im Raum umzusetzen und den Stall als Skizze beizubehalten“, erzählt Alex Probst, der das Projekt federführend betreut.

Anhand der vorhandenen originalen Grundrisse, Schnitte und Skizzen erarbeiten die drei Architekten zwei unterschiedliche Ansätze. Variante 1 wirkt wie eine Skizze im Raum. Der Stall ist samt Außengehege maßstabsgetreu ausgeführt, jedoch nicht in der ursprünglichen Stahlbeton-Variante, sondern in einer gitterartigen Raumstruktur aus aneinandergeschweißten, zwei Zentimeter dicken Aluminiumstäben. Variante 2 besteht aus einer äußeren und einer inneren Welt. Während die innere Welt aus feinen goldenen Latten besteht, gleicht die äußere Welt einem Billboard, das an einer Schnellstraße steht.

Darauf projiziert ist eine fotorealistische Darstellung des Stalls aus Stahlbeton. Schnell steht fest: Ausgeführt werden soll Variante 1, weil sie leichter wirkt und auch poetischer. Weil man durch die Vierkant-Alustäbe hindurchschauen kann. Zudem sind sie außen in weißer und innen mit goldener Farbe pulverbeschichtet. Gold passt zum Jubiläum und Gold steht im Fokus des Innenraums. In maßgefertigten, glasfaserverstärkten Boxen in kräftigem Petrol wird neben Sebastian Herkners RORO Collection nämlich auch der neue TAC-Dekor Palazzo RORO von Ewelina Wisniowska ausgestellt – eine feinsinnige Interpretation des klassischen Goldrands und der Schweinestall-Skizze von Gropius. Außerdem mit dabei: Fotos, Pläne, Zeichnungen, ein Film zu Wettgeschichte und Making of. Das Resümee dieses ungewöhnlichen Architekturprojekts fällt übrigens ziemlich begeistert aus: „Der Stall wäre ein Paradies für Schweine gewesen“ – davon ist Alex Probst felsenfest überzeugt.

Hintergrund
Der 2015 neu interpretierte
Schweinestall, den Walter Gropius
1967 entwarf.

V.L.N.R
Andreas Gerecke – Marketing Rosenthal
Sebastian Herkner – Designer RORO Collection
Robert Suk – Creative Center Rosenthal