Werk Rosenthal am Rothbühl (RaR), Selb

Architekt: Prof. Walter Gropius, Alex Ccijanovic (The Architects Collaborative Inc.) Baubeginn: April 1965 Eröffnung: 5. Oktober 1967 Bebaute Fläche: 21.000 qm Auszeichnung: Silberplakette des Bundesministeriums für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau im Wettbewerb „Industrie in der Landschaft" (1975)
In Selb verwirklichte Gropius seine seit Jahrzehnten vertretene These der „totalen Architektur". Kein Molekül losgelöst vom anderen, keine Ästhetik, die sich im Glanz des Eigennutzes sonnt, sondern stets dem Zweck untergeordnet, ins Ganze integriert.
Nach der Fernwirkung der Baukörpergruppierung wirkt beim Näherkommen des Betrachters das Spiel von Licht und Schatten durch die Struktur der Konstruktion. Aus nächster Nähe wirkt plastisch und direkt die Textur der Oberfläche. Das über die strenge Linie der langgezogenen Büro- und Garagengebäude hinaus- und hinüberkragende Dach des Einganges, das nach oben zu schwingen scheint, wirkt als besonders augenfällige städtebauliche Dominante. Das Werk selbst ist ein langgestreckter Flachbau, der im Zentrum durch einen hallenartig herausragenden Trakt akzentuiert wird. Diese Halle ist in außen sichtbare U-förmige Betonbinder aufgehängt, die so das Konstruktionsprinzip des gesamten Baus demonstrieren. Die vertikale Aufrasterung des gesamten Baukörpers durch die für Gropius typischen Betonstützen folgt einem Modul, das als optisch-ästhetisches Prinzip die horizontale Betonung des langgestreckten Gebäudes korrigiert. An der Schmalseite des dem Gebäude vorgelagerten Hofes steht ein Silo, der konstruktiv dasselbe Prinzip der U-förmigen Betonbinder nutzt, die optisch und proportional in einem Verhältnis zur zentralen Halle stehen. Die Außenwände im unteren Geschossbereich und die Stützmauern haben ein besonderes Strukturmerkmal: Sie wurden aus senkrecht profiliertem Sichtbeton hergestellt, angeregt durch das Relief von Tapio Wirkkalas Form »Variation« für die Rosenthal studio-line. Schließlich das Mini-Detail: genadelter Sichtbeton, deutlich hervortretende Textur des Donau-Kiessandes, optische Unterbrechungen durch Versätze und farbige, gekennzeichnete Vorsprünge der Notausgänge. Diese Beobachtungen machen - neben dem perfekt in die Landschaft hineinkomponierten Gebäudevolumen - den Reiz dieser meisterlichen Architektur aus.
Die Planung des weitgehend mechanisierten und automatisierten Arbeitsablaufes ist in diesem Werk vorbildlich. Gropius zeigt soziale Einsicht und setzt sie direkt in Architektur um. So sorgt das Modul dafür, daß die Maßeinheiten des Werkes auf den Menschen bezogen bleiben. Die Industriearchitektur steht ihm nicht beherrschend, drohend gegenüber. Rhythmisch verteilt sind die Wände durch deckenhohe Fenster durchbrochen. Mitten in der Werkshalle befindet sich ein „botanischer Blumentopf" in Form eines deckenhohen Gewächshauses, das im Winter auch die Rosenthal-Flamingos beherbergt, inspiriert durch die Tradition der Arbeiterinnen, im alten Werk auf den Fensterbänken als Kontrast zur überwiegend „weißen" Produktion Blumentöpfe aufzustellen. Ein Informationszentrum am Eingang ist für Ausstellungen gedacht, stellt Werks- und Weltspiegel gegenüber, also interne und allgemeine über das Werksgeschehen hinausgehende Informationen. Das Feierabendhaus mit Kantine, Besprechungs- und Vortragsräumen ragt über den Werkshof zur Straße hinüber, um so auf seine über die Arbeitswelt hinausgehende Funktion aufmerksam zu machen. Neben den konstruktiven Details und der ästhetischen Gesamtansicht sind es diese Elemente, die Gropius’ Architektur in Selb als wahrhaft human ausweisen. Philip Rosenthal meinte hierzu: „Ich habe aus der engen Zusammenarbeit mit Professor Gropius erkannt, daß sich die Größe eines Architekten nicht durch Beharren auf einer eigenwilligen Konzeption in der Gebäudearchitektur auszeichnet, sondern durch das volle Verständnis für die Belange des arbeitenden Menschen im Betrieb, für den Vorrang der Produktionserfordernisse und nicht zuletzt für den Einsatz wirtschaftlicher Materialien, Baukonstruktionen und Ausführungsmethoden."
Quellen: N.N.: „Gropius baute für Rosenthal Porzellanwerk ‚aus einem Guß’", Vorwärts, 7.12.1967 Wolfgang Bornträger: "Die aufwendige Artistik der feinen Lebensart" in "Unternehmenskultur. Der Weg zum Markterfolg", Verlag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 1990 Hans-Peter Riese: „Fließband im Grünen", Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.10.1970 Ferdinand Simoneit: „Rosenthal und Rosenthaler" in „Die Rosenthal Story", Econ, 1980 Henning Müller-Gerbes: „Bauen im Selbstverständnis eines Unternehmens" in „Materialien 3: Bauen für die Wirtschaft", Architektenkammer Rheinland-Pfalz, 1988 Ulrich Kern: „Gebaute Unternehmenskultur", Industriebau, Heft 2/1992 Dr. Wolfgang Böhm, Matthias Scheffler: „Rosenthal am Rothbühl - eine Gebäudeanalyse", 1993
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